Farben streicheln die Seele

Der Beitrag erschien in WN Forschen & Heilen in der Februar 2009 Ausgabe.
Von Annegret Schwegmann

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Es gibt Menschen, die am Telefon Traumwelten entstehen lassen, faszinierend schillernd wie ein Regenbogen amfrisch gewaschenen Himmel. Und die dann, kurz darauf, dem persönlichen, dem Auge-in-Auge-Gespräch nicht standhalten. Aufschneider leider, Luftblasenproduzenten. Und es gibt Menschen, die am Telefon Traumwelten erschaffen, die zunächst verwirren.

Farben für die Seele, Pinselstriche, die beitragen können, Heilungsprozesse schwer kranker Kinder zu beschleunigen, Glücksmomente im Alltag zwischen Chemotherapie und Bestrahlung – schwere Kost für rationale Zuhörer, die zum Glauben Beweise brauchen. Doch begegnet man diesen Menschen, dann wird alles begreifbar, alles klar und folgerichtig.
Heike Montreal ist so ein Mensch. Sie lebt ihr Konzept. Es gehört zu ihrem Weltbild, ihrem Glauben an den Menschen und an ganzheitliche Medizin, die nur funktioniert, wenn auch die Seele zu ihrem Recht kommt. Heike Montreal fährt mit ihrem Rollwagen regelmäßig durch die onkologische Kinderstation der Unikliniken, beladen mit Tuben, Tiegeln, Dosen, Pinseln, Fotos und Büchern. Wenn sie kommt, lächeln ihr viele der Kinder verschwörerisch zu, und manche wissen schon Tage zuvor, was die Künstlerin auf ihre Haut malen soll. Manchmal einen Piraten, gern auch einen Tiger, eine Prinzessin, ein Fabelwesen – jede Stimmung hat ihre ganz bestimmten Farben und Motive.
"Was machen Sie da eigentlich ganz genau auf der Kinderstation?", wollen Fremde manchmal wissen und sagen erst einmal gar nichts mehr, wenn Heike Montreal ihnen geantwortet hat: "Heilpädagogische Gesichts- und Körperbemalung."
Was das bedeutet, verstehen viele erst, wenn sie einige der Kinder erleben, mit denen die 46-Jährige zusammenarbeitet. Das Mädchen beispielsweise, das Heike Montreal mit kraftvollen Farben und temperamentvollen Pinselschwüngen in einen gefährlichen Tiger verwandelt und das triumphierend und glücklich lacht, als Ärzte und Krankenschwestern im ersten Moment vor ihr zurückschrecken. Puh, ein Tiger! Endlichmal übernimmt sie die Regie, endlich ist sie es, die die Fäden in die Hand nimmt und andere sogar im ersten Schreckmoment das Fürchten lehrt. Das tut gut, richtig gut sogar. Es ist nicht nur Heike Montreal, die krebskranke Kinder in solchen Momenten glücklich macht. Es geht genauso gut umgekehrt. Noch nie hat ein Mensch ihr ein so wunderschönes Kompliment gemacht wie das Mädchen, das über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren immer wieder Wochen und Monate in der Kinderonkologie verbringen musste und das seiner Mutter am Tag der Entlassung gesagt hat: "Du, ich bleib noch eine Nacht. Morgen kommt Heike. Das will ich nicht verpassen." Worte, die ihr durch und durch gingen.

Möglich ist ihre Arbeit in der Kinderklinik nur durch Sponsoren. Um ihnen zu erklären, was sie tut und erzielen will, muss sie häufig weit in ihre eigene Geschichte ausholen. Nur so kann ihr Konzept verständlich werden. Vor 20 Jahren hat Heike Montreal schon einmal in den Unikliniken gearbeitet. Damals in der Ausbildung zur Kinderkrankenschwester und danach in der psychosomatischen Station des Hauses. Schon damals spürte sie das, was sie heute so verinnerlicht hat wie ihre Liebe zu Farben und zur Malerei: "Das Seelische gehört zum Heilungsprozess dazu. Kinder gesunden schneller, wenn sie auch seelisch und psychisch betreut werden." Zwangsläufig ist es deshalb für sie, dass sie an die erste Ausbildung eine zweite zur Heilpädagogin anschloss und gleichzeitig immer mehr die Malerei, ihre große Leidenschaft seit Kindertagen, zu ihrem Beruf machte. Farben streicheln die Seele.

Bald darauf, 1996 war das, machte sie eine weitere Erfahrung, eine Art Fingerzeig für ihre Entwicklung. Damals besuchte sie eine Freundin in Neuseeland, eine Malerin so wie sie, mit der sie am Strand spazieren ging und schwamm. Vor ihr tauchte plötzlich ein Delfin auf, der, als gehöre er gerade dorthin, die Mal-Hand ihrer Freundin mit seiner glatten Haut streichelte und dann auf sie zukam. "Er lud mich ein, mit ihm zu schwimmen."
Wieder zu Hause, wandte sie sich an das Delfinarium im Allwetterzoo Münster, absolvierte ein Praktikum, und lernte so die Signale dieser Tiere kennen und verstehen. Mehr als zwei Jahre lang arbeitete sie mit den Tieren und begleitete Kinder, die sich schon lange gewünscht hatten, einen Delfin zu berühren. Das eine führte zum anderen.

Im Oktober 2007 begann ihre Zusammenarbeit mit den Unikliniken und führte zu Begegnungen mit vielen Kindern, die sie immer wieder neu bereichert haben. Sie zeigt ihnen Bücher mit Fotos ihrer Arbeit, spricht mit ihnen über viel mehr als über Motive, Haltbarkeit von Farben und geeignete Flächen auf der Haut. "Wenn ich bei ihnen bin, gibt es nur das Hier und Jetzt", sagt sie und lächelt, weil sie an das Kind denken muss, das bewundernde Blicke auf sich zog. Für seinen Kopf hatte es sich ein Fantasiewesen aus zart züngelnden Flammen gewünscht, das sich mit gespanntem Körper in dieses Meer aus fabelhaftem Wasser stürzen wollte. Ein anderes Kind betrachtete lange das Kunstwerk auf dem Kopf und wandte sich schließlich an Heike Montreal. "Heike", sagte es, "kannst du in zwei Wochen auch zu mir kommen? Bis dahin habe ich auch eine Glatze, die du bemalen kannst." Streicheleinheiten für die Seele, die einer schweren Krankheit einen Teil ihres Schreckens nehmen.

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